Die Schuld vor dem eigenen Herzen

Schuld ist relativ

In unterschiedlichen Kulturkreisen zu unterschiedlichen Zeiten waren Dinge Tabu oder völlig akzeptabel. Ein Beispiel dafür ist die Knabenliebe im antiken Griechenland. Dort war die erotisch-sexuelle Liebe eines älteren Mannes zu minderjährigen Jungen gesellschaftlich legitim und gefördert. Sie war eine Praktik der reichen Oberschicht und wurde als Chance gesehen, für Jungen Bildung und Tugend von einem erwachsenen Mann mit hohem Ansehen zu erlernen. Heute ist das eine Straftat. Schuld ist also relativ.

Alltagspsychologisch gesehen ist das Opfer „gut“ und der Täter „böse“. Jeder Mensch ist aber beides, Opfer und Täter, doch sehen wir uns als Opfer, dann haben wir eine dünne haut, sehen wir uns als Täter sind wir sehr kurzsichtig. Als Täter schlüpfen wir gerne in die Rolle des Opfers und exkulpieren unsere Schuld auf andere. Meistens: Eltern, Lehrer und Kirche. Bei der Schuld entscheiden wir selbstgefällig und werden Hochmütig.

Schuld gibt es nur wenn es den freie Willen gibt

Es gibt einen Unterschied zwischen Schuld und Schuldgefühl. Schuld ist ein wertfreier Begriff der nichts weiter bedeutet als etwas verursacht zu haben. An der Freude eines Menschen, an guten Ergebnissen, kann man auch Schuld sein.

Hier dreht sich alles wieder um die für immer ungeklärte Frage der Existenz eines freien Willens. Wenn kein freier Wille existiert, so wie Sigmund Freud den Menschen sieht, als Reiz-Reaktions-Maschiene, dann gibt es keine Schuld. Wenn der Mensch keine Fähigkeit besitzt irgendwas selbst zu entscheiden und determiniert von allen äußeren Umständen ist, bin ist er auch für nichts verantwortbar. Ohne freien Willen wären wir logisch absolut Unschuldig.

Handlungen aus Angst sind nicht verantwortbar

Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Angstreaktionen dem Reptilienhirn entspringen. Das ist der Gehirnbereich am Hinterkopf, der für instinkthafte Reaktionen wie Flucht und Angriff verantwortlich ist. Das, was wir als Wachbewusstsein bezeichnen, findet im Neokortex statt, zum Beispiel das Nachdenken und Reflektieren. Das Reptilienhirn ist der evolutionäre viel ältere Teil und ist dem jüngeren Neokortex in der Befehlshierarchie übergeordnet. Wenn das Reptilienhirn aktiv wird, verliert der Neokortex die Kontrolle und das Reptilienhirn trifft die Entscheidungen. Angstreaktionen, wie beispielsweise Notwehr, sind deshalb auch vor Gericht nicht zu verantworten. Für Handlungen aus Angst ist der Mensch ungeachtet der Folgen unschuldig. Wenn es einen freien Willen gibt, dann hat der Mensch die Konsequenzen für seine Handlungen zu verantworten.

Wer besten Wissen und Gewissen handelt ist unschuldig

Eine angeborene Behinderung ist nicht vom Behinderten zu verantworten. Entsprechend des geistigen und körperlichen Potentials des Behinderten, kann nur ein gewisses Maß an Denk- und Reflektionsleistung verlangt werden. Für jede Forderung, die das Potential des Behinderten übersteigt, kann er nicht verantwortlich gemacht werden. Es ist nicht möglich mehr zu leisten, als das, wozu man fähig ist. Ein Mensch, der entsprechend seiner Fähigkeiten, nach besten Wissen und Gewissen handelt: Unschuldig.

Schuldig vor dem eigenen Herzen

Das Schuldgefühl resultiert aus einem inneren Widerspruch und kann ein Anzeiger dafür sein, dass wir uns vor unserem Herzen schuldig gemacht haben.

Wenn ein Mensch bei allem was er tut, altruistisch, nicht eigennützig handelt, sein Handeln auf das Wohl anderer richtet, wer sich selbst für das Wohl der anderen selbst aufopfert, und nicht den freien Willen eines anderen missachtet, der ist zumindest vor seinem eigenen Herzen unschuldig.

Wir besitzen eine innere Wahrheit, einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit. Wir sind oft unaufmerksam oder ignorant, wenn wir anderen Menschen unrecht antun, doch wenn uns unrecht geschieht, dann sind wir sehr sensibel dafür. Es ist dieses innere Gefühl von Gerechtigkeit, vor welchem wir uns Schuldig machen.

Wie erzeugen wir also Schuldgefühl?

Kein Mensch kann alles wissen und keine Fehler machen, wenn er sich bewegt. Wenn der Mensch sich keine Fehler erlaubt und sich dafür selbst ablehnt, wenn er denn welche macht, dann wird er vor seinem eigenen Herzen schuldig.

Die sieben Straftaten vor dem eigenen Herzen

  • Superbia (Hochmut, Stolz, Eitelkeit, Narzissmus)
  • Ira (Zorn, Wut, Rachsucht)
  • Gula (Völlerei, Gefräßigkeit, Maßlosigkeit)
  • Avarita (Habsucht, Gier)
  • Luxuria (Genussucht, Wollust, Unkeuschheit)
  • Invidia (Neid, Eifersucht, Missgunst)
  • Acedia (Faulheit, Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens)

Verdrängung als Mittel gegen Schuldgefühl

Verdrängt heißt nicht gelöst und Verdrängung kostet Energie. Ab einem gewissen Maß ist die Verdrängung kaum noch aufrecht zu erhalten und die innere Wahrheit findet ihren Weg an die Oberfläche.

Schuldverdrängung verbittert. Die Fähigkeit zu verzeihen ist abhängig von der Einsicht um die eigene Fehlbarkeit. Hochmut raubt die Fähigkeit zu verzeihen und lässt den Hochmütigen damit in ewigem Zorn gegen die Welt innerlich leiden.

Reue reinigt und tut weh

Nur mit der Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit ist die Fähigkeit zur Reue und zur Vergebung gegeben. Man öffnet eine Tür für Demut, welchen den Hochmut wieder auf ein gesundes Niveau herabsenkt. Reue ist Buße und Buße ist Reinigung und Reinigung ist schmerzhaft. Reue tut weh.

Sich nicht selbst belügen

Die verdrängte innere Wahrheit wieder entdecken: „Wie möchte ich gerne behandelt werden und wie behandle ich andere Menschen.“ Die Bereitwilligkeit zu Selbsterkenntnis aktivieren. Entlarvung des falschen Ideals davon wie man selbst und anderen zu sein haben. Die eigene Fehlbarkeit anerkennen und annehmen. Den Wert der Demut erfahren.

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