Gedankennotiz: Mut, Hingabe und Angst

Wer sich einmal Hingegeben hat, der öffnet den Kanal zu seiner inneren Wahrheit. Der hört sich wieder. Der fühlt sich wieder. Wer dieses Gefühl auch nur ein einziges Mal erfährt wird es nie wieder vergessen können. Fortan wird dieser Mensch Wahrheit von Lüge unterscheiden können.

Der Großteil der Menschen, die zu mir kommen, für die ist das mit der Hingabe keine unüberwindbare Hürde. Manche brauchen bisschen länger, manche sind schon nach den ersten fünf Minuten der Aufwärmübung irgendwo im Nirvana unterwegs und sie haben es am liebsten, wenn ich einfach meine Klappe halte, gute Musik auflege und sie machen lasse. Aber für diesen Artikel habe ich mir Mal Gedanken um die Angst vor der Hingabe gemacht.

Denn nicht wenige Menschen haben Angst davor zu mir in den Workshop zu kommen. Für mich war das immer nicht begreiflich, aber jetzt glaube ich zu verstehen warum: Sie ahnen, dass es in meinem Workshop vor allem um eins geht: Hingabe. Und davor fürchten sie sich.

Was könnte an Hingabe abstoßend sein?

Hingabe klingt erst mal nicht besonders spektakulär, aber das ist es. Hingabe bedeutet sich etwas oder jemandem bis hin zur Ich-Vergessenheit zu widmen. Es treten Handlungen und Gefühle auf, die von der Vernunft nicht kontrolliert werden sollen oder können. Das ist die fundamentale geistige Haltung auf der meine Arbeit basiert.

Das Problem ist Folgendes: Wir sind von unserem Körper abgetrennt. Das begann unter anderem in der Schule, wo wir gezwungen wurden unseren Bewegungsdrang zu bezwingen und das reicht bis heute ins Erwachsenenalter, wo wir hauptsächlich unsere Zeit im Sitzen verbringen. Das bedeutet unsere Aufmerksamkeit befindet sich nur im Kopf. Wir sind nicht im Herzen. Ab Hals abwärts ist alles ein Fremdkörper.

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Wenn wir immer nur im Kopf sind, dann ist all unsere Lebensenergie im Denken. Wir kennen keine andere Realität als die Gedachte oder die durchs Denken begreifbare. Unser Leben findet in Gedanken statt. Wir glauben wir sind unsere Gedanken. Wir identifizieren uns mit dem, was wir über uns denken. Viele von uns können gar nichts mehr fühlen. Descartes hat gesagt: „Ich denke, also bin ich.“ Hätte er mal mehr getanzt, dann würde er sagen können: „Ich fühle, also bin ich.“ Wer meditiert, der weiß, dass weder Fühlen noch Denken notwendig sind, um zu sein: „Auch ohne Denken und Fühlen bin ich.“

Die Konsequenz für uns ist daraus, dass wir glauben, wir hörten auf zu existieren, wenn wir nicht denken.

Hingabe ist also für den unwissenden Geist der Tod des „Ich“. An der Wurzel der Furcht vor der Hingabe sitzt wie immer die Mutter aller Ängste: die Todesangst.

Manchmal kommen Menschen zu mir die irgendwie (so sagen sie es selbt) „am Ende von irgendwas angekommen“ sind. Sie sagen, sie befinden sich einer großen Umbruchsphase in ihrem Leben. Eine Phase in der alles neu Arrangiert wird und sie spüren, dass sie ihrem neuen Leben etwas hinzufügen wollen, was sie tief in ihrem Inneren vergraben haben. Sie sind müde, das was im „Schattenraum“ gefangen gehalten wird und immer heftiger „von unten“ ins Bewusstsein drängt weiterhin unter kontrolle halten zu müssen. Das, was da von unten an die Tür klopft, sind sie selbst. Das sind all ihre verdrängten Gefühle, alle nicht gelebten Sehnsüchte, alle nicht gelebten Talente und Charakterzüge. Alles was gelebt werden wollte, aber nicht durfte. Es ist diese Hingabe, das Fühlen, das Herz, die Leidenschaft, die Ekstase, das was die Seele der Menschen heutzutage sich ersehnt. Und die soll ab jetzt einen Platz in ihrem Leben haben.

Viele von uns suchen ihr Herz draußen in der Welt und nicht in der Brust. Das ist ein Grund für den starken Drogenkonsum und für jede Art von obsessivem Verhalten, die zum Rausch führt, welches wir überall sehen. Wir suchen die Realität außerhalb der Kontrolle unseres Verstandes. „Sucht“ langsam gesprochen hat was mit Suchen zu tun. Was such(t)en wir? Unser Herz. Wo suchen wir? Nicht, da wo es ist. Wir wollen es nicht wirklich finden. Denn da wo das Herz ist, sind leider auch die Schmerzen. Da sind die Drogen ein verführerisch bequemer Ausstieg.

Einige die zu mir kommen wissen, was da in ihnen los ist. Viele haben schon einige Jahre Therapie und Studium der Heilung und Spiritualität hinter sich. Sie wissen alles über das Feuer, aber sie haben noch nie damit gekocht. Der Grund ist eben diese Angst. Und dann sagen sie soetwas wie: „Ich habe Angst mich diesem Gefühl hinzugeben, weil ich nicht weiß was dann passiert.“

Ich kann verstehen, warum die Menschen sich von der Hingabe scheuen: Sie scheuen sich vor den Veränderungen, die sich daraus ergeben werden.

Wer sich einmal Hingegeben hat, der öffnet den Kanal zu seiner inneren Wahrheit. Der hört sich wieder. Der fühlt sich wieder. Wer dieses Gefühl auch nur ein einziges Mal erfährt wird es nie wieder vergessen können. Fortan wird dieser Mensch Wahrheit von Lüge unterscheiden können.

Das kann ein Problem werden, wenn ein Mensch beispielsweise Jahrzehnte seines Lebens die Zähne zusammen gebissen hat, um eine Rolle im Leben zu spielen, die ihm gar nicht gefällt oder nicht zu ihm passt und darauf ein „Gebäude“ errichtet hat: Wir haben jemanden geheiratet, der nicht zu uns passt und mit ihm eine Familie gegründet. Wir leben seit Jahren in Knechtschaft durch einen Kredit für ein Haus und bezahlen den Kredit mit einem Job zurück, den er uns krank macht. Unser soziales Umfeld kauft uns seit Jahren unser gelogenes Lächeln ab. Innerlich sind wir kaputt. Niemand will wirklich wissen, wie es uns geht. Wir haben unser ganzes Leben auf andere gehört und für andere gelebt. Wir sind mitten in diesem „Schauspiel“ und alles wird von dem Schauspiel getragen. Und plötzlich hören wir etwas von „Hingabe“, „Loslassen“, „der inneren Wahrheit“, etc. In einem Bruchteil einer Sekunde kann sich unser Verstand die Kaskade von Konsequenzen ausmalen, die das Konzept der „inneren Wahrheit“ mit sich bringen würde, wenn wir dem nachgehen würden. Der Verstand mag unvorhersehbare Veränderungen nicht, denn er will ja Kontrolle haben. Unser Verstand zieht unsere Aufmerksamkeit von dem Gedanken an die Hingabe weg und richtet es auf etwas anderes. Es verdrängt das Herz und seine Sehnsucht wieder in den Schattenraum – eine jahrelang ausgeübte Praktik.

Wenn wir uns vor Hingabe fürchten, kann es daran liegen, dass wir in unserer aktuellen Situation keine Kapazitäten haben, unserem inneren Ruf, unserer Sehnsucht nachzugehen. Deshalb kommen zu mir oft Menschen, die diese ganze „Show“ schon hinter sich haben oder aus irgendeinem anderen Grund einfach frei sind zu machen worauf sie lust haben. Die sind bereit für Veränderung.

Ich dachte auch immer wir tanzen nur und konnte deshalb nicht verstehen, warum manche Menschen nicht zu mir kommen, obwohl sie es wollen. Jetzt verstehe ich es: Es würde die Perspektive mancher Menschen auf ihr Leben verändern.

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