Gedankennotiz: Liebe ist Reinigung

Wir glauben: Liebe ist etwas Schönes. Wenn Menschen sich lieben, dann geben sie sich einander ein gutes Gefühl. Die Liebe basiert auf gegenseitiger Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Das stimmt halbwegs. Liebe ist vor allem Erkenntnis. Erkenntnis des Selbst im Anderen. Das setzt Selbstkenntnis voraus und die ist meistens ohne ein jahrzehntelanges Bemühen um Selbstreflexion nicht gegeben. Da wo Selbstkenntnis fehlt, führt Liebe früher oder später in die Hölle.

Liebe reinigt von Unaufmerksamkeit, Unkenntnis und Täuschung. So eine Reinigung kann sehr schmerzhaft sein, weshalb die Liebe auch von vielen Gefürchtet wird.

Liebe ist jenseits der Dualität

Liebe ist weder gut noch böse, weder schön noch hässlich. Liebe ist außerhalb der Dualität. Liebe ist weder-noch und sowohl-als-auch. Liebe ist einfach nur „wahr“. Was Wahrheit ist, dass (finde ich) hat indische Spiritualität fast bis auf den Punkt gebracht.

Von allen Lektüren, die ich zum Zwecke der (Selbst-)Erkenntnis jemals in meinem Leben gelesen habe, waren es die 5000 Jahre alten „Upanischaden“, bei denen mir ein „Licht“ auf ging. (Sehr) vereinfacht ausgedrückt steht in den Upanischaden: Das punktförmige Ding, dass hinter deinen Augen sitzt und das Treiben der Welt durch deine Augen beobachtet, das ist dein wahres Selbst. Das, was du über dich selbst denkst, das bist du nicht.

Jeder Mensch trägt das volle Spektrum menschlicher Eigenschaften in sich. Jeder Mensch trägt das Potenzial zum Adolf Hitler und zur Mutter Theresa in sich. Die Frage ist nur, welche Qualitäten lebt ein Mensch aus. Vieles was wir Leben ist Situationsabhängig. Aus reiner Furcht können die liebevollsten Menschen zu den grauenhaftesten Handlungen fähig werden. Das an sich selbst erkannt zu haben, ist Selbsterkenntnis.

Wer sich für den Pfad der Liebe entscheidet, wird gereinigt von den Lügen, die er über sich und die Welt glaubt.

Fehlerhafte Gedankenmuster und falsche Glaubenssätze äußern sich als Ablehnung – Ablehnung von sich selbst und von anderen. Wenn man seinen Weg alleine geht, kann man Wege finden, seine Stärken zu leben und seine Schwächen nicht wirksam werden zu lassen. Was man nicht mag, dem geht man aus dem Weg. In einer Beziehung, sei es zu einer anderen Person, zu sich selbst oder zur Welt, wird das gesamte Spektrum des gedachten und geglaubten Selbstbildes sichtbar. Ausweichen ist in einer Beziehung nicht möglich.

Es gibt menschliche Eigenschaften, die wir Ablehnen: Dummheit, Faulheit, Zorn, etc. Es ist uns zuwider zuerkennen, dass wir sie alle in uns tragen. Unser Selbstbild ist deshalb nicht vollständig oder einfach „geschönt“ – es ist nicht „wahr.“ Jeder kennt einen Menschen, der sich selbst für herzlichsten und schlausten Menschen hält, aber nicht sieht, wie skrupellos und dumm er sich oft verhalt. Genauso wenig wollen wir erkennen, wie oft wir selbst genau dieser dumme Mensch sind. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Wenn wir in Ehrfurcht vor der Großartigkeit eines Menschen ein Gefühl von Minderwertigkeit bekommen, dann nur, weil wir unsere eigene Großartigkeit nicht erkannt haben.

Liebe ist Selbsterkenntnis und die ist ein schmerzhafter Prozess, weil dafür immer wieder ein unvollständiges Selbst-/Weltbild zusammen brechen und korrigiert aufgebaut werden muss.

Ignoranz ist Betäubung

Oft fehlen die Kapazitäten, um den schweren Prozess der Selbsterkenntnis durchzustehen. Dann wird meistens die Kraft der Ignoranz angewendet, sodass man zwar physisch noch in Reichweite, aber innerlich voneinander getrennt ist. Es gibt Situationen, da ist Ignoranz das einzige zur Verfügung stehende Mittel, um äußerlich Ruhe zu bewahren. Ignoranz ist das absichtliche nicht zur Kenntnis nehmen von etwas oder jemandem und es macht auf Dauer krank. Selbsterkenntnis – sich selbst im anderen erkennen – wäre da die wahre Lösung.

In einer Paarbeziehung kommt es auf die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis beider Seiten an. Wenn sich auch nur einer der beiden Parteien dazu entscheidet, sich zu einem bestimmten Thema ignorant zu verhalten, dann ist ein gemeinsames Fortkommen an diesem Punkt nicht möglich. Bezüglich dieses Themas bleibt das Paar getrennt. Der gleiche Prozess findet auch innerhalb einer Person statt. Man will etwas nicht an sich wahrhaben und igoriert es. Man spaltet sich innerlich.

Wie mit allen Betäubungsmitteln besteht bei der Ignoranz die Gefahr der Versuchung. Wenn man es einmal zulässt, ist es wahrscheinlich es weitere Male zuzulassen. Ohne das man es bemerkt, akkumuliert sich alles was ignoriert wird, bis man irgendwann im Grunde gar keinen echten Kontakt mehr zu dem anderen Menschen oder zu sich selbst hat.

Übersteigt die Ignoranz ein gewisses Niveau, dann muss nachgeholfen werden. Der Berg an all dem, was man nicht lieben möchte oder kann, ist so groß geworden, dass neue Strategien angewendet werden müssen, um sich nicht damit auseinander setzen zu müssen.

Dann muss man die Betäubung verstärken mit Rauschmitteln wie Alkohol, Marihuana, Schmerztabletten, Antidepressiva, etc. Man kann sich auch ins zwanghafte Tun flüchten, wie Putzen, Trainieren oder Computer Spiele spielen.

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