Gedankennotiz: Leben vor dem Tod

„Der Tod meines Freundes erinnert mich wieder daran, dass das Leben endlich ist. Plötzlich wird mir klar, wieviele Jahre ich meines Lebens damit verbracht habe, eine Festung mit dicken Mauern auf einer schwebenden Seifenblase zu errichten.“

Gerade hat mich die Nachricht erreicht, dass ein Freund von mir gestorben ist. Diese Nachricht hat mir etwas ins Bewusstsein gerufen, dass ich vergessen hatte: Auch meine Uhr tickt.

Jahrelang hatte ich keinen Kontakt mit meinem Freund, weil ich seine Existenz als selbstverständlich hingenommen habe. Er war ja immer erreichbar.

Ich hatte ein leichtes Trauergefühl, aber konnte nicht genau erfassen was es ausgelöst hat. Sein Tod kann nicht der Grund der Trauer sein. Schließlich hat mich seine Existenz all die Jahre nicht besonders interessiert. Wir mochten uns und hatten Spaß wenn wir uns trafen, mehr aber auch nicht. Woher kommt dann meine Trauer?

Die Trauer ist eine Enttäuschung mir selbst gegenüber. Die Enttäuschung, durch den Tod meines Freundes zu realisieren, dass ich so viele Jahre meines Lebens nicht gelebt und nicht genossen habe, aus der Absicht, den Moment für die Zukunft zu opfern. Wieviele Stunden habe ich mich gequält, um für die Zukunft zu arbeiten? Der Gedanke sich für die Zukunft etwas aufzubauen klingt erst Mal Vernünftig. Genau berachtet ist es aber nicht Vernünftig. Genau betrachtet richten wir unsere Aufmerksamkeit weg vom Leben, welches nur in Moment erlebt werden kann, und richten es auf eine Hypothese von der Zukunft, die mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht unsere Erwartungen erfüllen wird.

Wer für die Zukunft lebt, lebt quasi nie. Denn würden wir eines Tages in der Zukunft tatsächlich in der Situation wiederfinden, von der wir immer geträumt haben, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir wieder in eine noch fernere Zukunft blicken mit neuen Visionen von der Zukunft in der Zukunft. Wir schieben das Ziel gleichsam in die Ferne, sowie wir uns dem Ziel nähern. Dieses Streben ist also endlos. Hier kommt der Knackpunkt: Wir treten mit etwas Endlichem (unserer Lebenszeit) gegen etwas Unendliches an. Von diesem Geschäft profitieren wir nicht.

Hinzu kommt, dass das Leben alle Kriterien eines Glücksspiels erfüllt. Es gibt zu viele unbekannte und unkontrollierbare Parameter, die das Spiel beeinflussen und die Zahl der möglichen Spielzüge ist unüberschaubar. Alles was wir tun können ist es, uns ein Zukunftsszenario vorzustellen und hoffen, dass wir einigermaßen damit richtig liegen. Wir wissen es nicht, wir glauben und hoffen damit Glück zu haben.

Der Tod meines Freundes erinnert mich wieder daran, dass das Leben endlich ist. Plötzlich wird mir klar, wieviele Jahre ich meines Lebens damit verbracht habe, eine Festung mit dicken Mauern auf einer schwebenden Seifenblase zu errichten.

Warum neigen wir dazu lieber zu träumen, als im Hier und Jetzt zu sein?

Aus dem Fakt, dass das Leben nur im Hier und Jetzt stattfindet, lässt sich etwas völlig banales schlussfolgern: Auch den Tod erleben wir im Hier und Jetzt. Das der Tod uns im Hier und Jetzt ereilt, dessen sind wir uns unbewusst bewusst. Davor fürchten wir uns im Inneren. So wirklich will das keiner erleben und so flüchten wir alle mehr oder weniger vom Moment weg in eine Traumwelt hinein – in den Traum von der Vergangenheit oder der Zukunft.

Im Moment leben ist also nur ohne Todesangst möglich. Der Tod scheint ja (meiner Vorstellung nach) auch „früher“ zu kommen, wenn ich nicht für die Zukunft lebe: Wenn ich für den Moment lebe, würde ich keine Dinge mehr tun, die ich nicht mag und Dinge tun, die ich mag. Wahrscheinlich würde ich meinen Job kündigen und alles Geld was ich habe ziemlich schnell verbrauchen. Dann wäre ich ziemlich schnell pleite und wohnungslos. Ich würde ziemlich schnell alles verlieren was ich habe. Ich würde auf der Straße leben und beim nächsten Winter unter der Brücke erfrieren. Und so weiter.

Lieber früher oder später sterben?

Es scheint als könnte ich bestimmen, ob ich früher oder später sterben möchte. Angenommen ich sterbe früher, wenn ich im Moment lebe und ich sterbe später, wenn ich das Leben im Moment für das Leben in der Zukunft opfere. Da ja das Leben nur im Moment stattfindet bedeutet das im ersten Szenario, dass ich kurz gelebt habe und dann starb. Im zweiten Szenario bedeutet es, dass ich nie gelebt habe und dann starb.

Hier komme ich zur nächsten Illusion: Zeit. Für unser Herz ist doch nur relevant, wie wir Zeit empfinden. Das Zeitempfinden ist völlig relativ. Wenn ich im Arbeitsrausch bin, dann kann eine ganze Woche in einem gefühlten Augenzwinkern vergehen. Wenn ich im Regen auf dem Bus warte, kann eine halbe Stunde eine unerträgliche Ewigkeit werden. Wenn ich meditiere, habe ich den Eindruck das Ticken der Uhr wird immer langsamer, je mehr ich meine Aufmerksamkeit auf den Moment richte. Es scheint also, je mehr ich meine Aufmerksamkeit auf den Moment richte, umso langsamer vergeht die Zeit. Je mehr ich meine Aufmerksamkeit vom Moment weg hole, umso schneller vergeht die Zeit. Ob etwas lange dauert oder nur kurz ist abhängig davon, wieviel Aufmerksameit ich auf den Moment richte.

Was ist also ein langes oder kurzes Leben?

Es kann also sein, dass jemand der 5 Jahre im absoluten Moment gelebt hat und starb, tausendfach mehr in seinem Leben erlebt hat, als ein Mensch, der 50 Jahre nicht im Moment gelebt hat und starb. Somit hat der, der 5 Jahre gelebt hat, praktisch länger gelebt, als der der 50 Jahre lebte. Das ist einer der Irrtümer, denen unser Verstand folgt.

Egal welches Szenario ich mir ausdenke, mit oder ohne Vorbereitung auf die Zukunft, ich muss sterben. Das ist bekannt: Jeder stirbt irgendwann. So wie kürzlich Freund.

Außerdem bedeutet das Leben im Moment nicht automatisch, dass man weniger Jahre lebt. Vielleicht bewirkt das Leben im Moment psychisches Wohlbefinden, was folglich körperliche Gesundheit erzeugt. Das wiederum führt zu mehr Lebenskraft, welche wiederum zur Tatkraft wird, wodurch der körperliche Tod möglicherweise eher unwahrscheinlicher wird. Vielleicht macht die Risikobereitschaft den körperlichen Tod doch wieder wahrscheinlicher und führt einfach nur dazu, dass man am Ende gesund und glücklich stribt? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte mich für den Moment entscheiden.

Dann käme ich zu der Frage: Wenn ich ab jetzt im Moment lebe, was würde ich dann anders machen als bisher?

Ich würde

  • weniger zögern und schneller Entscheidungen treffen
  • nicht nach materiellem Besitz streben
  • nicht an materiellen Dingen haften
  • nicht dem Geld hinterher rennen
  • meine Ansprüche herunter schrauben bis auf „Ich freue mich, dass ich Atmen kann.“
  • nichts tun oder tanzen
  • meditieren statt denken
  • lange Spaziergänge in der Natur machen
  • langsamer gehen
  • langsamer essen

Das wäre jetzt was mir so ad-hoc dazu einfällt. Da wirds noch mehr geben.

Ruhe in Frieden lieberVedad, ++19.10.2019. Danke, dass du mich an das Leben vor dem Tod erinnerst.

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