Durchquerung der Wüste

Bedeutung des Symbols Wüste

Die Wüste ist ein Symbol der Einsamkeit, der Ödnis, der Leere, der Langeweile, des Reizlosen, des Unbelebten, des Hungerns, des Fastens, des erfolglosen Strebens, der Arbeit ohne Früchte, einer langanhaltenden Anstrengung ohne Resultat. Tagsüber ist es sehr heiß. Nachts ist es sehr kalt. Es ist aber auch eine Umgebung, da man mit sich alleine sein kann, zu sich finden kann, zur Ruhe kommen kann, die Verbundenheit mit dem Universum spüren kann. Es ist ein Ort der Abwesenheit menschengemachter Illusionen und Träume, ein Ort des „Aufwachens“.

Ich bin kein Bibel-Fan, aber ich benutze dieses Symbol nur, um den Gedanken anschaulicher zu machen: Laut Bibel fastet Jesus allein in der Wüste 40 Tage lang und widersteht dabei den Versuchungen des Teufels. Wie Buddhisten glauben, lebt der Teufel in den Köpfen der Menschen.

Exponentielles Wachstum

In unserer Natur wächst und schrumpft nichts linear, alles wächst und schrumpft exponentiell beziehungsweise logarithmisch. Logarithmisch ist nichts, als das Gegenteil von Exponentiell. Angenommen ich gehe ins Training für eine Stunde und in dieser Stunde lerne ich etwas. Lineares Wachstum würde bedeuten: Gehe ich für zwei Stunden ins Training, lerne doppelt so viel. Bei vier Stunden Training, lerne ich entsprechend vier Mal so viel und so weiter. Exponentielles Wachstum verhält sich anders. Man kann es sich mit einer alten Zen-Weisheit vereinfacht bildlich vorstellen: „Wasser erhitzt sich langsam und kocht plötzlich.“ Das bedeutet du gehst eine Stunde trainieren und es gibt keine sichtbaren Resultate. Du gehst 100 Stunden trainieren und es gibt immer noch keine sichtbaren Resultate. Nach der 101 Trainingsstunde beginnt es plötzlich Resultate zu geben. Die darauffolgenden Trainingseinheiten „regnet“ es Resultate. Alles, was du in angriff nimmst, gelingt dir sofort. Dein Wachstum geht durch die Decke. Alles, was du in die Hand nimmst, wird zu Gold. Es ist Erntezeit. Das ist exponentielles Wachstum.

Anfang ist Wüste

Was hat exponentielles Wachstum mit der Wüste zu tun? „Wasser erhitzt sich langsam und kocht plötzlich“, sagt eine alte Zen-Weisheit. So ist das mit dem Trainingserfolg auch. Die Anfangszeit ist warten, ausharren, weiter machen, weiter machen … Trainieren für scheinbar nichts. Es ist eine Zeit, die frustrierend ist. Du zweifelst an deinem Weg: „Gehe ich richtig? Habe ich das Zeug dazu diesen Weg zu gehen? Wie lange dauert diese Wüste noch? Ich verschwende meine Zeit.“ In dieser Zeit prüft dich das Leben, ob du es wirklich würdig bist den „heiligen Gral“ des Tanzes zu berühren. Es wird geprüft, aus welcher Motivation heraus, du dich auf den Weg gemacht hast. Machst du es, weil du Vergnügen, Ablenkung oder weil du Aufmerksamkeit suchst? Oder verspürst du einen echten inneren Ruf, eine tiefe Sehnsucht? Egal was du glaubst und dir einredest: Die Wüste kannst du nicht belügen. Welche Kraft dich wirklich treibt, wird die Wüste ans Licht bringen. Im ersten Fall wirst du aufgeben, wenn sobald es schwierig wird. Deine Motivation ist nichts weiter als Strohfeuer. Im letzten Fall kannst du gar nicht anders, als weiter gehen. Dann bist du aus echtem Holz.

„Auf die Haltung allein kommt es an. Denn nur sie allein ist von Dauer und nicht das Ziel, das nur ein Trugbild des Wanderers ist, wenn er von Grat zu Grat fortschreitet, als ob dem erreichten Ziel ein Sinn innewohnte.“
 
– Antoine de Saint-Exupéry

Ich ging auch durch die Wüste

Ich habe diese Erfahrung genau so gemacht. Es war eine harte Zeit. Ich war damals 20 Jahre alt und hatte das Verständnis, welches ich heute habe, noch nicht. Ich hatte auch niemanden, der mir gesagt hat, dass der Weg richtig ist, den ich gehe. Ich habe damals schon mehrere Jahre Breakdance gemacht und habe dabei meinen eigenen Flow entdeckt. Der Flow hat meinen Stil verändert und ihn weit weg getragen, von dem was die Szene damals unter „Breakin“ verstanden hat. Zuerst habe ich die Community verloren, die mich nicht mehr als ein Teil ihres gleichen gesehen hat. Ich hatte selbst keine Ahnung, was ich mache. Ich konnte aber nicht mehr anders, als meinem inneren Ruf zu folgen. Die Bewegungen, die aus mir heraus kamen, waren für mich wie von einem anderen Planeten. Das ging fast sieben Jahre so: Nachts im Studio in Berlin, alleine Trainieren. Nicht wissen, wohin die Reise führt. Nicht wissen, wofür ich es mache. Mit kaum jemanden konnte ich mich austauschen über die Erfahrungen, die ich machte. Und immer wieder Momente der totalen Ekstase. Trancezustände. Out-Of-Body-Erfahrungen. Gefühle. Emotionen. Die Zeit angehalten. Seiten an mir entdeckt, die ich nicht kannte. Momente die so unglaublich magisch und schön waren, dass wusste: Es ist richtig, was ich mache. Ich kann nur auf dem richtigen sein. Es gab niemanden mehr zu beeindrucken. Es gab keine Motivation, die von außen kam. Es war ganz klar: Wenn ich diesen Weg gehe, dann gehe ich ihn für mich. Diese Einsamkeit war oft nicht schön. Aber es gab immer wieder diese lichtvollen Momente, die mich noch ein Stückchen weiter gingen liesen.

Jahre später bin ich wieder aus meinem „Labor“ gekommen und habe mich in der Tanz-Szene gezeigt. Über die Jahre habe ich Halt in mir selbst gefunden. Es war mir egal, was andere über mich dachten. Ich hatte auch keine andere Wahl mehr. Zu weit war ich schon gegangen, als dass ich umkehren hätte können. Ich war das, was aus mir geworden ist. Plötzlich kehrte sich alles um. Andere haben in meiner Art, wie ich mich bewegte, in meiner Präsenz, in meinen Augen die Reife gesehen, die ich auf meinem Weg erlangt habe. Ich war ein echter Künstler. Ich war ein Original. Darum geht es in der Kunst. Die anderen blieben Kopien von Kopien. Seither begegnen die Menschen mir mit Respekt. Die darauf folgenden Jahre waren Erfolge nach Erfolgen. Sehr viele Türen gingen auf. Ich war in der Liga der „Echten“ angekommen. Ich hatte mir das verdient.

Diesen Weg gehe ich immer noch und werde ihn weiter gehen. Vielleicht tauche ich unter und ziehe mich aus der Öffentlichkeit zurück. Doch habe ich nicht vor mich davor zu scheuen, Mut zu haben und mich in unbekannte Territorien vorzuwagen. Ich höre den inneren Ruf immer noch und ich folge ihm mehr den je. Ich bin bereit diesem Ruf bis zum Ende folgen. Auch wenn ich mich oft selbst nicht mag, der Quelle gegenüber ist meine Liebe bedingungslos.

Zombie-Mode On

Reinhold Messner, der berühmte extrem Bergsteiger sagte sowas wie: „Dort oben auf dem Berg ist die Luft so dünn, dass du nicht mehr klar denken kannst. Du wirst zu einem Zombie. Du bist schon lange unterwegs und das Ziel scheint mit jedem Schritt weiter in die Ferne zu rücken. An den Gipfel kannst du nicht mehr denken. Alles worauf sich deine Aufmerksamkeit fokussiert ist der nächste Schritt. Du denkst nicht mehr ans ankommen. Du gehst nur noch weiter.“ Der Satz ist bekannt und doch so schwer für das Gehirn zu akzeptieren: „Der Weg ist das Ziel.“ Wenn du im Training an einen Punkt kommst, wo sich nichts tut: Dran bleiben, weiter trainieren, nicht weiter, als an den nächsten Schritt denken, „austrocknen“, „auf dem Zahnfleisch gehen“, sich voranschleppen, kämpfen …

Nicht mit dem Kopf gegen die Wand gehen

Das blöde ist: Es kann auch sein, dass man keine Resultate aus dem Training hat, weil man einfach falsch trainiert. Man hat seinen Fokus falsch gesetzt und macht immer wieder denselben Fehler. Wenn man dann denkt: „Einfach dran bleiben! Nicht Aufgeben! … “ dann versucht man durch eine Tür zu gehen, die nicht existiert. Ich komme selbst immer wieder an diesen Punkt, wo ich zweifle, ob ich nur in eine neue exponentielle Lernkurve geraten bin und Geduld brauche; oder ob ich nicht schlichtweg nur zu blöd bin.

Orientierunslos irgendwo im nirendwo

Wenn du im Training hängen bleibst, aber ein Idee hast, woran es liegen könnte, dann kannst du dich da hinarbeiten. Schwierig wird es, wenn du keine Ahnung hast, was du bräuchtest, um weiterzukommen. Dann machst du dich auf die Suche, ohne zu wissen wonach du überhaupt suchen sollst.

Die Brute-Force Methode

Ich wünschte, ich hätte eine Lösung hier zu bieten, aber das habe ich nicht. Ich hänge selbst immer wieder in so einer Situation fest und weiß nicht was ich machen soll. Im groben gehe ich das dann so an: Zuerst denke ich darüber nach, woran es liegen könnte, welche Parameter ich verändern könnte, wo ich noch nicht „nachgeschaut“ habe, welche Bewegung ich noch nicht gemacht habe, welches Körperteil ich noch nicht studiert habe, welche innere Haltung ich noch nicht eingenommen habe, etc. … Dann teste ich alles durch. Wenn das nicht hilft, dann frage ich andere Menschen, andere Künstler, andere Tänzer. Dann recherchiere ich im Internet, schaue mir Videos an. Ich lese Bücher. Wenn das nichts bringt, dann versuche ich alles zu vergessen und fange nochmal komplett von vorne an. Und wenn das nicht hilft, mache ich einfach irgendwelche Sachen, die mir gerade in den Sinn kommen und hoffe dabei das der liebe Gott sieht wie sehr sich der kleine Frank bemüht und ihn weiter kommen lässt. Ich versuche alles zu geben, um irgendwie weiter zu kommen. Das kann sich über sehr viele Trainingseinheiten ziehen. Ich komme vielleicht nie zum gewünschten Ergebnis, aber ich habe auf dem Weg eine Menge anderer Sachen gelernt.

Worum gehts es wirklich

Lohnt es sich, diesen harten, schweren Weg zu gehen, um zu tanzen? Ich kann das nicht in einem Text mit Worten erklären. Niemand hat gesehen, was ich gesehen habe. Niemand hat erlebt, was ich erlebt habe. Das war meine Reise und diese Geschichte trage ich nur in mir. Dieser Weg hat mich das Leben zu tiefst in mir spüren lassen. Es hat mein Leben mit Inhalt gefüllt. Mit Inhalt meine ich nicht, dass es ausreichend Beschäftigung und Erlebnisse gibt. Mit Inhalt meine ich das Gegenteil von dem, was viele Menschen, die diesen Inhalt nicht haben, mit innerer Leere bezeichnen. Ich habe das Leben in jeder Sekunde in jeder meiner Zellen gespürt. Ich habe jede Sekunde das Gefühl, dass es etwas größeres als mich gibt, dass mich begleitet und führt. Ich hab meine Existenz gemocht. Lohnt „es“ sich? „Es“ ist der Weg! Der Weg ist die Magie an dem ganzen. Nicht das tanzen, nicht die Moves, nicht die Auftritte sind es. Das tanzen ist nur der Fixstern am Himmel, an dem du dich während deiner Reise immer orientieren kannst. Es ist aber die Wüste, das Gehen selbst, das Weitermachen, Sterben und Wiederauferstehen worum es geht. Ja, dafür lohnt es sich sein Leben zu geben, weil es ohne das kein Leben gibt.

Die Wüste ist voller Leben

Was möchte ich damit sagen? Die Wüste ist alles andere als leer. Du trainierst und bekommst nicht die Resultate, die du dir wünscht. Du bekommst aber die Resultate, die gut für dich sind. Vielleicht kommt uns manches wie leer und wüst vor, weil wir unseren Fokus auf etwas gerichtet haben, was nicht da ist, weshalb wir blind sind für die Schätze, die da sind. Vielleicht ist es unsere Vorstellung, von dem was wir durch unser Training erwarten der Grund, warum wir denken, wir kämen nicht weiter, obwohl wir es tun.

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